




Galerie Privée 2026 - Lumière du Sud
Wie ausgeschnitten ragt das Monument in den Himmel — hingelegt ins Blau, das die Fotografie als Grauwert wiedergibt. So klar weist ein Mittag im Süden unsere Sehkraft aus, so nahe rückt das Bild an die Bauplastik der Antike: Der Bildhauer, der vor zweieinhalbtausend Jahren seine Blätter und Knospen aus dem Stein meisselte, war wie der Fotokünstler ein Kenner des Lichts. Denn ohne die Sonne, die jede Kerbe und jede Höhung helldunkel umspielt, bliebe sein Relief weich am Kapitell und die Säule büsste ihre Rundung ein.
Geblendet von Fassaden, suchen wir den Schatten, bis ein Baumstamm die Stadt unter uns diagonal in zwei Felder teilt: eine schwarze Bahn ohne Anfang und Ende, als gäbe es keinen Boden. Schauen scheint dem Fliegen verwandt. Es kommt ohne Standort aus und ohne Stativ, auch, wo der helle Tag das Gesicht einer Frau modelliert. Vorsichtig senkt die Schwarzhaarige ihren Kopf in den Pool, blickt von uns weg nach oben. Wirkt das Bild deshalb lautlos, weil ihre Ohren schon unter Wasser sind? Oder weil wir wissen, dass die feinen Adern aus Licht, die ihren Hals kräuseln, ein rein visuelles Ereignis sind? Es gibt eine Stille in den Bildern von Christian Scholz, die mit der Intensität des Sehens zusammenhängt. Der Blick des Fotokünstlers auf jede Krümmung im Geäst gilt auch der Leere — ein helles Nichts, das nur jene Staude an jenem Ort zu jener Stunde natürlich und kühn umkreiste.
Es ist schon später Nachmittag und auf Roms gepflasterter Piazza del Popolo stehen auch Einzelgänger im Sog eines inzwischen gnädigen Lichts. Lange Schatten verdoppeln die filigrane Kontur von Touristen, Anwohnerinnen und Heimkehrenden und geben ihnen dieselbe Richtung. Gemessen am Sonnenstand kann sich niemand der Gemeinschaft entziehen. Das Licht, dem Scholz so kompromisslos, so analog und in «rasender Geduld» sein Schaffen widmet, kommt und geht — als stille, fortlaufende Zeitmessung, auch im Wandel allem und allen gleichgesinnt.
Isabel Zürcher, März 2026
Ausstellungskatalog: 26_Broschüre_Scholz_web.pdf